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Norbert Lins trifft… (Folge 8)

Bild: Norbert Lins während seines Impulses in St. Verena. © Kirchengemeinde St. Verena,
Rot an der Rot.

Die katholische Kirchengemeinde St. Verena Rot an der Rot feiert das 900-jährige Gründungsjubiläum des Klosters Rot an der Rot. Es ehrt mich sehr, dass ich am Sonntag, den 3. Mai 2026, in der Reihe „Klang-WELT“ einen Impuls zum Thema „Der Heilige Norbert als Europäer seiner Zeit.“ sprechen durfte. Pater Christian Pšenicka O.Praem. aus dem Stift Strahov in Prag spielte dazu an der Holzhey-Orgel.

Nachfolgend können Sie meinen Impuls im Wortlaut nachlesen.


Sonntag, 3. Mai 2026

Impuls von Norbert Lins zum 900-Jahre-Jubiläum der katholischen Kirchengemeinde St. Verena Rot an der Rot zum Thema „Der Heilige Norbert als Europäer seiner Zeit“.


Sehr geehrter Herr Pfarrer Schmid,
sehr geehrter Herr Pater Christian Pšenička,
meine sehr geehrten Damen und Herren,
liebe Kirchen- und Festgemeinde,

vielen Dank für die Einladung zu dieser festlichen Orgel-Andacht. 900 Jahre – das ist eine Zeitspanne, die unser Vorstellungsvermögen fast übersteigt. Wenn wir heute hier in Rot an der Rot, in der prachtvollen Klosterkirche St. Verena zusammenkommen, blicken wir auf ein Erbe, das Generationen überdauert hat.

Es ist mir eine besondere Freude, heute einen Impuls zu jenem Mann geben zu dürfen, der am Anfang dieser langen Geschichte steht: der heilige Norbert von Xanten. Er ist nicht nur mein Namenspatron, sondern auch der Gründer des Prämonstratenserordens. Im Jahr 1126 berief er Chorherren aus dem Stammkloster Prémontré nach Rot an der Rot, um hier die Prämonstratenserabtei zu gründen – den Ursprung dessen, was wir heute als 900-jährige lebendige Tradition feiern.

Doch über dieses konkrete Gründungsereignis hinaus fasziniert vor allem seine Lebensgeschichte: eine Biografie, die sich beinahe wie eine Landkarte unseres Kontinents lesen lässt. Sie führt quer durch das Europa des 12. Jahrhunderts – über Regionen, Kulturen und politische Räume hinweg. Genau dieser Weg hat mich zu dem heutigen Impuls unter dem Titel „Norbert von Xanten als Europäer seiner Zeit“ geführt.

Um zu verstehen, warum wir heute hier in Rot an der Rot zusammengekommen sind, lohnt es sich daher, seinen Weg ein Stück weit nachzuzeichnen.

Dieser Weg beginnt um das Jahr 1080 in Gennep, im heutigen Südosten der Niederlande, nahe der deutschen Grenze. Norbert wuchs in einer Welt auf, in der Grenzen fließend waren. Als Sohn einer adligen Familie am Niederrhein war ihm eine glänzende Karriere vorgezeichnet. Er wurde Subdiakon am Stift in Xanten und gehörte bald zum engsten Kreis am Hof des Erzbischofs von Köln. Er war ein Mann der Welt, ein Hofmann, ein Berater von Kaisern. Als Berater Heinrichs V. zog er 1110 mit nach Rom, als dieser den Papst gefangen nahm, um seine Kaiserkrönung zu erzwingen. Infolgedessen ging der heilige Norbert jedoch zunehmend auf Distanz zum Kaiser und hatte 1115 – so die Überlieferung – ein Bekehrungserlebnis: ein Blitzschlag, der ihn auf einem Ausritt vom Pferd riss, woraufhin er sich noch im selben Jahr zum Priester weihen ließ.

Er wählte die Lebensform eines Eremiten und zog später als Wanderprediger umher – und begann damit seinen europäischen Weg im eigentlichen Sinne. Seine Predigtreisen führten ihn durch weite Teile des damaligen Europas: durch das heutige Deutschland, durch die Niederlande, durch Belgien und bis nach Frankreich. In einer Zeit ohne feste Infrastruktur, ohne moderne Verkehrsmittel, war das ein bemerkenswerter Schritt. Doch Norbert ging dorthin, wo Menschen Orientierung suchten, unabhängig von politischen Grenzen oder kulturellen Unterschieden.

Der heilige Norbert von Xanten wird als charismatischer Prediger beschrieben, dem es in kurzer Zeit gelang, viele Menschen für seine Ideale zu gewinnen und eine wachsende Gemeinschaft von Männern und Frauen um sich zu versammeln.

Sein Weg führte ihn unter anderem in die Diözese Laon, wo er zunächst das Stift St. Martin reformieren sollte. Da er dort jedoch kaum Bereitschaft zur Reform fand, zog er sich an einen abgelegenen Ort in der Nähe von Laon zurück. Auf einer Lichtung bei einer verfallenen Kapelle gründete er dort gemeinsam mit 13 Gefährten eine neue, am einfachen und geistlichen Leben orientierte Gemeinschaft – den Prämonstratenserorden, benannt nach der kleinen Lichtung: „pratum monstratum”.

Von Frankreich aus gründeten sich innerhalb weniger Jahre zahlreiche Gemeinschaften nach dem Vorbild Prémontrés und auch bereits bestehende Klöster schlossen sich Norberts Reformbewegung an, in Deutschland, in den Niederlanden, in Belgien, in Böhmen und darüber hinaus. Der Orden war von Anfang an international geprägt. Seine Mitglieder teilten eine gemeinsame Regel, eine gemeinsame Spiritualität – und gleichzeitig wirkten sie in ganz unterschiedlichen kulturellen Kontexten. Damit schuf Norbert etwas, das wir heute vielleicht als „europäisches Netzwerk“ bezeichnen würden: eine Gemeinschaft, die über Grenzen hinweg verbunden war, die Wissen, Glauben und Werte teilte und die gleichzeitig lokal verwurzelt blieb.

Ein weiterer wichtiger Abschnitt seines Lebens führte ihn nach Magdeburg. Dort wurde Norbert 1126 – also in dem Jahr, in dem hier in Rot an der Rot die Grundsteine für dieses Kloster gelegt wurden - zum Erzbischof ernannt. Auch in dieser Funktion blieb er seinem Reformgedanken treu – und tat das selbst gegen den starken Widerstand aus Klerus, Adel und Bürgerschaft, welcher in zwei Anschlägen auf sein Leben gipfelte. Dennoch gelang dem Heiligen Norbert unter anderem die Reform und Umwandlung mehrerer magdeburgischer Stifte und Klöster in Prämonstratenserstifte.

Und selbst sein Lebensende steht noch einmal in diesem größeren Zusammenhang: Nach einer weiteren Reise nach Italien – wiederum über die Alpen, wiederum über Grenzen hinweg – kehrte Norbert geschwächt zurück. Im Jahr 1134, gezeichnet von einer Erkrankung, vermutlich Malaria, starb der heilige Norbert von Xanten in Magdeburg, jener Stadt, die für ihn zum geistlichen Mittelpunkt seines Wirkens geworden war. Dort fand er auch seine letzte Ruhestätte.

Wenn wir all diese Stationen betrachten – Xanten, Rom, Antwerpen, Prémontré, Magdeburg –, dann erkennen wir ein Leben, das von Bewegung geprägt war. Ein Leben, das Brücken gebaut hat. Ein Leben, das Menschen verbunden hat.

Und genau darin liegt seine Bedeutung für uns heute. Denn wenn wir heute von Europa sprechen, dann denken wir oft zuerst an Institutionen, an Verträge, vor allem an Politik und vielleicht auch an langwierige Prozesse. Doch Europa ist mehr als das. Europa ist vor allem eine Idee. Eine Idee von Gemeinschaft über Grenzen hinweg. Eine Idee von gemeinsamen Werten. Eine Idee von Verantwortung füreinander. Der heilige Norbert hat diese Idee auf seine Weise gelebt – lange bevor es ein politisches Europa gab. Und dass er Jahrhunderte später, im Jahr 1582, offiziell heiliggesprochen wurde, zeigt, wie nachhaltig sein Wirken über seine Zeit hinaus gewürdigt wurde.

Was können wir heute von Norbert lernen?
Vielleicht vor allem dies: Europa lebt von Begegnung. Dass es Menschen braucht, die Brücken bauen. Dass es Mut braucht, neue Wege zu gehen.

Und dass Glaube, in welcher Form auch immer er gelebt wird, eine Kraft sein kann, die verbindet und Orientierung gibt. Als Mitglied des Europäischen Parlaments – und als Namenspatron des heiligen Norbert – empfinde ich es als besondere Aufgabe, diesen Gedanken weiterzutragen. Europa ist kein Selbstläufer. Es braucht Engagement, Dialog und den Willen zur Zusammenarbeit.

Norbert hat uns vorgemacht, wie das gelingen kann: durch Offenheit, durch Überzeugung und durch den festen Glauben an das, was Menschen verbindet. Wenn wir heute also sein Leben betrachten, dann tun wir das nicht nur aus historischem Interesse. Wir tun es, weil es uns etwas für unsere Gegenwart und unsere Zukunft sagen kann. Der heilige Norbert war ein Europäer seiner Zeit – nicht im politischen Sinne, sondern im gelebten Sinne.

Die Gründung des Ordens in Prémontré war nur der Anfang. Innerhalb kürzester Zeit verbreitete sich seine Vision über den ganzen Kontinent. Auch Rot an der Rot ist ein Teil dieses Bandes. Als das erste Prämonstratenserkloster in Oberschwaben gegründet wurde, war das kein isoliertes Ereignis. Es war der Einzug einer europäischen Idee in unsere Region. Die Chorherren, die hierher kamen, brachten den Geist von Prémontré mit. Sie brachten Wissen über Technik, Landwirtschaft und Verwaltung mit, das sie über die Grenzen hinweg geteilt hatten.

Norbert von Xanten lebte uns vor, dass man seine Heimat nicht verliert, wenn man sich dem Fremden öffnet. Im Gegenteil: Seine tiefe Verwurzelung gab ihm die Kraft, in der Ferne zu wirken. Das ist der Kern des europäischen Gedankens, den wir auch heute pflegen sollten: Stolz auf die eigene Herkunft zu sein, auf unser schönes Oberschwaben, und gleichzeitig die Arme weit zu öffnen für das Gemeinsame.

Für uns heute bedeutet sein Erbe eine große Verantwortung. 900 Jahre Klostergründung sind für uns in Oberschwaben ein Moment des Innehaltens. Wir blicken zurück auf eine beeindruckende Geschichte, die uns zeigt: Wir sind hier in Rot an der Rot nicht isoliert. Wir sind Teil einer großen, europäischen Erzählung, die vor fast einem Jahrtausend von einem mutigen Wanderprediger aus Xanten angestoßen wurde. Lassen wir uns von seinem Geist inspirieren. Bleiben wir stolz auf unsere oberschwäbische Heimat, aber bleiben wir im Herzen Europäer – neugierig auf das Gemeinsame, fest in unseren Werten und bereit, an der Zukunft unseres Kontinents mitzuarbeiten.

Ich wünsche der Kirchengemeinde St. Verena und uns allen ein gesegnetes Jubiläumsjahr. Möge der heilige Norbert uns weiterhin ein Wegweiser sein für ein Europa der Begegnung und des Friedens.

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

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Link zu weiteren Informationen über die Kirchengemeinde St. Verena, Rot an der Rot: https://se-rot-iller.drs.de/kirchen/rot-an-der-rot.html

Link zur Festbroschüre „900 Jahre Klostergründung“ (PDF zum Download): https://se-rot-iller.drs.de/fileadmin/user_files/172/ROT/Kloster_Rot.pdf

Link zum Geläut der sieben Glocken der ehemaligen Klosterkirche St. Verena, Rot an der Rot: https://createsoundscape.de/glocken-finder-2/detail/glockenfinder/id/7350-kath-pfarrkirche-st-verena-in-rot-an-der-rot/?cb-id=68122

 

Bilder vom 3. Mai 2026 in Rot an der Rot: © Kirchengemeinde St. Verena, Rot an der Rot.

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